Rolf Redlin Die Autoren-Website

Rolf Redlin
Bodycheck
Roman
Taschenbuch, 152 Seiten,
12,00 EUR (D)
ISBN: 978-3-86300-149-0
Männerschwarm Verlag Hamburg
Auch als Ebook

Kräftemessen
Manfred fährt LKW für einen Baumarkt, bringt hundert Kilo Muskelmasse auf die Wage und joggt lieber um den See, als in der Szene abzuhängen. Er mag es bodenständig, Studenten haben bei ihm keine Chance. Als er seine Mutter in einem winzigen Kaff in Mecklenburg besucht, lernt er dort Toralf kennen, einen Dachdecker, der seine Freizeit mit Bodybuilding und tiefergelegten Autos verbringt. Toralf ist verblüfft, dass auch ganz normale Kerle schwul sein können, und zwischen den beiden bahnt sich etwas an.
Eine rundum originelle Liebesgeschichte aus einer Arbeits- und Lebenswelt, in der es auf körperliche Leistung ankommt und die auch schmalbrüstige Leser nicht kalt lässt.
»Bodycheck« erzählt die Geschichte von Manfred und Toralf. Manfred, Anfang 30 mit kleinem Häuschen in grünen Stadtrand Hamburgs, fährt LKW für einen Baumarkt, weil die Arbeit als Dachdecker auf Dauer die Knie kaputt macht, und weil er es mag, allein im Wagen unterwegs zu sein und bei seinen Auslieferungen immer wieder andere Menschen kennen zu lernen. Er hat eine gesunde Abneigung gegen Studenten und andere Spinner und treibt gern Sport, so ist er Gründungsmitglied einer schwulen Ringergruppe. Mit seinem Schwulsein hat er keine Probleme, aber bisher kann er sich nicht so recht vorstellen, mit einem anderen Mann zusammen zu leben.
Seine Mutter hat einige Zeit nach dem Tod ihres Mannes einen neuen Freund gefunden und lebt mit ihm in Kleinow, einem Kaff in Mecklenburg. Manfred hasst den Osten und er hasst Eberhard, den neuen Freund. Trotzdem lässt er sich überreden, seine Mutter zum Geburtstag zu besuchen. Er wohnt im einzigen Gasthof am Ort, und schon kurz nach seiner Ankunft lernt er dort den örtlichen »Golfklub« kennen, einen Stammtisch junger Männer, die tiefer gelegte Autos lieben, darunter auch Toralf. Toralf ist Ende 20, Dachdecker wie Manfred, und er übt diesen Beruf auch aus. Außer Autos und seiner Freundin Birthe interessiert er sich für Kraftsport. Das Ergebnis ist imposant, und dazu hat er abstehende Ohren, die wegen Glatze besonders gut zu Geltung kommen - Manfred mag das sehr.
Wie der Zufall es will, haben die Mütter der beiden vereinbart, dass die Jungs das Dach von Toralfs Mutter neu decken können, wenn Manfred schon mal vor Ort ist. Zwei Nachmittage, gemeinsam bei körperlicher Arbeit, und dazwischen ein Abstecher in die Muckie-Bude nach Parchim bringen die beiden einander ein gutes Stück näher. Toralf fordert Manfred sogar zu einem Ringkampf heraus, in dessen Verlauf bestimmte körperliche Reaktionen spürbar werden. Toralf spricht Manfred darauf an, dass er schwul ist, und dabei lernt er, dass schwule Männer nicht unbedingt tuntig sein müssen. Der Gedanke ist ihm neu, und man spürt, wie es in ihm arbeitet.
Dann ist das Wochenende vorbei und Manfred, der den Osten inzwischen mit ganz anderen Augen sieht, fährt zurück nach Hamburg. Die beiden haben locker vereinbart, dass Toralf ihn besuchen kommt und vielleicht sogar ganz nach Hamburg zieht, um dort eine Weiterbildung zu machen. Der Roman schildert, wie Manfred und Toralf die Tage bis zum nächsten Wochenende verbringen, jeder auf seine Weise damit beschäftigt, die aktuellen Ereignisse zu verarbeiten. Wie es schließlich zum Happy End kommt, wird hier nicht verraten.

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Bodycheck
Roman
Klappenbroschur,
176 Seiten,
vergriffen
ISBN: 978-3-939542-41-4
Männerschwarm Verlag Hamburg

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Rezensionen
Echte Ossis
Paul Schulz in Männer 12/13

(...) Gab es das Genre ›ostdeutscher Schwulenroman‹ schon? Wenn nicht, ist Redlin sein Erfinder. Das die Rezeption von Bemerkungen wie ›endlich mal ein Buch über echte Kerle‹ begleitet wurde, ist doof, weil falsch: das hier sind keine Bärenfantasien fürs westdeutsche Publikum, das hier sind echte Ossis im Clinch mit dem Schicksal. Gut.

Knackige Handwerker in knappen Ringertricots
Norma Banzi in schwule-liebesromane.blogspot.com, 31. Mai 2010

Ich bin einige Zeit um das Buch herumgeschlichen. Muskeln? Ja! Bodybuilding? Auch nicht schlecht! Knackige Dachdecker? Aber Hallo!
(…) Bücher, die im Osten Deutschlands spielen und deren Hauptfiguren Manfred und Toralf heißen, da schrecke ich vor zurück. Weshalb ich mir dieses Buch dann doch bestellt habe? (…) Jedenfalls fand ich die Leseprobe, obwohl im Osten spielend, derartig warmherzig, dass ich hibbelig auf das Buch geworden bin. (…)
Eigentlich passiert darin ja nicht viel, aber das auf so charmante, anrührende Art und Weise, dass ich meine Freude hatte. Es geht um die Freude an Muskeln und am Kräftemessen (hier: Ringen). Zwei muskulöse Kerle, mit beiden Beinen im Handwerkerleben stehend, verlieben sich ineinander. Aus Nachbarschaftshilfe (Manfred hilft Toralf beim Dachdecken) entsteht eine erotisch geprägte Neugier bei Toralf. Auch Manfred ist hin und weg. Er, der offen schwul lebende Handwerker, beantwortet Toralfs Fragen gerne und Toralf hat eine Menge davon. Durch die Gespräche mit ihm und anderen schwulen Männern findet Toralf heraus, was er möchte, ...
Erotisch betrachtet fand ich das Buch eigenartig zurückhaltend. Sexszenen werden dezent ausgeblendet. Dafür werden Ringer- und Bodybilderszenen ausführlich und genussvoll beschrieben, Erotik pur also für diejenigen Leser, die auf Schweiß und Muskeln stehen. (...).

Mannhaft
Axel Schock in Hinnerk 5/09

Ein Ringkampf unter Kerlen, ganz sportlich gemeint, aber für den Mittzwanziger Toralf doch ein irritierendes Erlebnis. Dle Brusthaare seines Gegenübers, die kräftigen Oberarme, das pralle Tanktop und der tropfende Schweiß haben selbst im Nachhinein noch eine zutiefst erotische Nachwirkung. »Verdammt, das ist doch ein Männer-Ding, keine Schwulensache«, versucht Dachdecker Toralf sein Weltbild zurechtzurücken, das durch den Hamburger Manfred ins Wanken geraten ist. (…)
Ob Homo-Ringergruppe, echte Neonaziglatzköpfe oder labelbewusste Skinheadschwule, durch der Hände Arbeit oder im Sportstudio erschwitzte Muskeln: die Grenzen zwischen authentischer vermeintlich natürlicher Männlichkeit und deren schwuler Idealisierung und Erotisierung sind im Erst|ingsroman des gebürtigen Hamburgers Rolf Redlin fließend. Wie ein roter Faden zieht sich zugleich aber auch die Auseinandersetzung mit den vermein|ich widersprüchlichen Männerbildern durch das lässig-flott erzählte Buch.
Ost und West, Hetero und Homo, Weichei und Kerl, verkopfte lntellektuelle und bodenständiger Arbeiter: Die Gegensätze prallen immer wieder als Klischee aufeinander und stellen sich bisweilen überraschend in Frage. Viel Problemstoff und Konfliktpotential wird da auf den 173 Seiten aufgehäuft und andiskutiert, doch Redlin gönnt seinen Jungs als Geschichtenerzähler in jeder Hinsicht ein Happy-End, auch dort, wo es im wirklichen Leben sicherlich nicht ganz so glatt verlaufen wurde. Aber auch in einem harten Kerl steckt natürlich ein kleiner Romantiker...

Jürgen empfiehlt
Löwenherz, Buchhandlung und Versand, Winter 2009/10

Wie sieht schwules Leben abseits der Metropolen und des Jetset aus? Dieser sympathische Roman zeigt einmal echte Kerle in ihrem natürlichen Habitat. Hier sieht niemand so aus, als wäre er dem neuesten Fashion Magazin entstiegen oder würde er - vor die Wahl gestellt - einer Parfümflacon den Vorzug vor einem Hammer geben. Die Männer hier sind erdig, aus Fleisch und Blut, schwitzen gelegentlich und machen sich auch mal schmutzig. Sie reflektieren die Natur von Landburschen, die nichts Anderes kennen und nichts Anderes wollen. (…)
Nun steht fürs Wochenende der Geburtstag von Manfreds Mutter in der tiefsten mecklenburgischen Provinz an. (…) Er nimmt sich das ganze Wochenende frei, fährt also nach Meckpomm und quartiert sich bewusst nicht bei Mama ein, sondern im Dorfgasthof (der einzige vor Ort, wen wundert’s?). Dort gerät er rasch mit der herumhängenden, pöbelnden Landjugend aneinander. (…)
Da noch etwas Zeit ist, bis die gesamte Familie zu den Feierlichkeiten eingetroffen ist, macht es Manfred nichts aus, der Nachbarin seiner Mutter zu helfen. Die - oder genau genommen: ihr Sohn - braucht eine helfende Hand beim Dachdecken. (…) Allerdings ist er nicht wenig überrascht, als er im Nachbarssohn Toralf einen der rabiaten Jungs vom Vorabend wieder erkennt.
Dennoch arbeiten die beiden gut zusammen. Manfred findet Toralf zwar attraktiv, rechnet sich aber hinsichtlich irgendwelcher Avancen wenig Aussicht auf Erfolg aus. Immerhin hatte
Toralf tags zuvor ein hübsches Mädel im Schlepptau, und sie schienen ein glückliches Paar zu sein. Und überhaupt ist Manfred ja nur ganz kurz vor Ort. Also wozu sich groß Hoffnungen machen? Obwohl natürlich Toralf schon ganz nach Manfreds Geschmack wäre: muskulös, geerdet, männlich.
Umso verwirrender wird es für Manfred, als einiges bei Toralf darauf hindeutet, dass er nicht ganz unempfindlich gegenüber Manfreds Anwesenheit ist. Obwohl er seine Homosexualität nicht an die große Glocke gehängt hat, hat es sich im Dorf längst herumgesprochen, dass Manfred schwul ist. Und nun nutzt Toralf einen Moment zu zweit, um den eigenen homosexuellen Anteilen auf den Grund zu gehen. Die Folgen dieses .. Sich-Näher-Kommens« fallen allerdings ziemlich heftig aus. Und für einen Moment schaut es gar nicht gut aus für die beiden Kerle und ihre aufkeimende Liebschaft. (…)
»Bodycheck« ist eine recht unkonventionelle Liebesgeschichte, die gegen den Mainstream des schwulen Literaturbetriebs angeschrieben ist: hier geht es nicht um die üblichen Verdächtigen - die Reichen und Schönen, die Großstadtschwulen, die alles haben und auf hohem Niveau über Kinkerlitzchen jammern. Hier geht es um das ganz alltägliche, unaufgedonnerte Leben von Landschwulen - den Stiefkindern der schwulen Literatur -, um deren Probleme
- und das Ganze mit einem guten Schuss kräftiger Körperlichkeit. Also keine Angst, das ist keine weich gezeichnete Provinzidylle, sondern wirklich mal was Anderes.

Buchtipps für Euch
Uferlos 5-8/09

Manfred ist Lkw-Fahrer in Hamburg, bringt 100 Kilo auf die Waage und ist auch sonst ein ganzer Kerl. Aus der Ringergruppe nimmt er sich schon mal einen anderen Kerl fürs Bett mit, ist aber sonst überzeugter Single. Zur Geburtstagsfeier seiner Mutter in einem kleinen Kaff in Mecklenburg-Vorpommern begegnet er dem etwas jüngeren Toralf. Dachdeckergeselle von Beruf und passionierter Bodybuilder ist der und eigentlich viel zu schlau für den örtlichen ›Golfclub‹ (Glatze und tiefergelegter Golf sind Aufnahmebedingungen). Beim Decken des Dachs von Toralfs Mutter kommen sich die beiden näher und Manfred merkt schnell, dass Toralf raus will aus diesem Leben. Vielleicht seinen Meister machen, seine Freundin verlassen, die er nur aus Bequemlichkeit hat und die Gefühle erforschen die Manfred in ihm geweckt hat. Aber ist er wirklich dazu bereit? Als Manfred wieder nach Hamburg fährt, lädt er Toralf zu sich ein und beginnt zu warten. Ohne es zu merken hat er sich in den Kerl verliebt. Wirklich mal ganz was anderes: Keine Bubies oder glatt geschliffenen Business-Typen, die sich ineinander vergucken, sondern echte Männer. Ganz nah dran am echten Leben, ein bisschen romantisch und fesselnd bis zum Schluss.

Bodycheck
Egbert Hörmann in Männer 3/09

Auch ein ostdeutsches Kaff kann seine Reize haben. Das stellt der Hamburger Manfred (Mitte 30, Fahrer in einem Baustoffhandel und Mitglied einer schwulen Ringergruppe) bald fest, als er für ein Wochenende zu seiner Mutter nach MeckPomm fährt, um dabei noch bei einer Nachbarin das Dach zu decken. In der Dorfkneipe trifft er Toralf (Mitte 20, Noch-Hete, Dachdecker und Hard-Core-Bodybuilder). (…) Insgesamt eine nette Ost-West-Fantasie aus dem prollig-kerligen Milieu. Wie heißt es so schön: »Tunten und Spinner zwecklos!«

Siegessäule 4/2009
Rolf Redlin erzählt eine an sich nette Geschichte: Manfred aus Hamburg fährt Lkw und ist ein ganzer Kerl - ein Homo also, dem man nicht unbedingt ansieht, dass er schwul ist. Eher der Typ durchtrainierter Handwerker ist er vor allem eins nicht: tuntig. (…) Deshalb sucht Manfred seinesgleichen und wird ausgerechnet in einem Mecklenburger Kaff fündig. Dort treffen Welten aufeinander: Schwule findet man hier nämlich zum Kotzen. (…) Interessanter Plot aus einer Arbeits- und Lebenswelt, in der es noch auf körperliche Arbeit ankommt. Doch beim
Lesespaß bleibt ein Beigeschmack zurück.

Richtige Männerliebe
Du+Ich, 4/5-09
Rolf Redlin erzählt eine ganz nette Geschichte: Manfred fährt Lkw und ist ein ganzer Kerl (…). Eher der Typ durchtrainierter Handwerker, ist er vor allem eins nicht: tuntig. Schwuchteln sind nämlich nicht so toll! (…)


Leseprobe
4
Aus dem CD-Spieler erklangen Country-Melodien. Irgendwie passte das zur Landschaft. ›Stand By Your Man.‹ Der einsame Wolf auf dem Weg nach Osten. Manfred ließ den Wagen langsam dahin rollen.
Heute würde er allein in einem abgenutzten Fremdenzimmer einschlafen. Keiner war da, mit dem er über verhärmte schlecht gekleidete Ossies herziehen konnte, die ihre Klamotten im Textil-Diskont kauften. Dann diese öde ostdeutschen Provinz, all die heruntergekommene Schäbigkeit ...
Was die schmächtige Hausherrin und ihr Mann wohl gerade taten? Vielleicht sprachen die beiden über den Lkw-Fahrer, der so freundlich gewesen war. Ihr Mann war sicher ein wenig eifersüchtig, doch letztlich verbrachten sie einen netten Abend zusammen. Währenddessen fuhr der freundliche Lkw-Fahrer zu seiner Mutter. Allein.
Manfred musste aufpassen, sonst glitt er voll in eine melancholische Phase hinein. Beinahe hätte er die richtige Abfahrt verpasst. Er öffnete das Seitenfenster und atmete die frische Luft. Nach Verlassen der Autobahn fuhr er noch fast eine Stunde über kleine Landstraßen, bis er endlich das ersehnte Ortsschild von Kleinow passierte. Die Strahlen der tiefstehenden Sonne tauchten den Ort in gelbes Licht. Zur Begrüßung haben sie auf Kitsch-Beleuchtung geschaltet, dachte Manfred und lächelte. Er fand den Gasthof in der Ortsmitte. Zu DDR-Zeiten hatte man das Hauptgebäude um einen unproportionierten Anbau mit Festsaal ergänzt. Der schmucklose rau verputzte Kasten mit seinem flachen Pultdach mochte aus den Siebzigern stammen, sah aber wesentlich älter aus. Über dem Eingang waren noch die Schatten des einstigen Schriftzugs ›HO-Gaststätte‹ auszumachen, teilweise von schmucken Werbetafeln für Lübzer Pils überdeckt, aber das war auch das einzige Zugeständnis an die neue Zeit.
Hier ist ja der Hund verfroren, dachte Manfred. Genau so hatte er es sich vorgestellt.
Er parkte den Bulli neben einigen tiefergelegten Volkswagen und betrat die dunkle Gaststätte. Zunächst konnte er kaum etwas erkennen. Rechterhand saß eine Gruppe junger Männer mit kahlgeschorenen Köpfen. Sie unterbrachen ihre Unterhaltung und sahen zu ihm herüber. In Momenten wie diesen war Manfred froh über seine körperliche Statur. Er würdigte die Glatzen keines Blicks und ging schnurstracks auf den Tresen zu, wo eine Frau seines Alters Gläser wusch. Sie mochte einmal sehr hübsch gewesen sein, sah aber verbraucht aus. Manfred begrüßte sie freundlich und fragte nach der Reservierung.
Die Frau stellte sich als Verena vor und führte Manfred zur Treppe, um ihm sein Zimmer zu zeigen.
»Willkommen im Nirgendwo«, sagt sie mit kaum verhohlenem Sarkasmus, während sie die Treppe hinaufstiegen.
Manfred lachte zustimmend.
»Schau es dir am besten selbst an, unser Kleinow.«
»Das werde ich tun.«
Verena öffnete das Zimmer und übergab Manfred den Schlüssel: »Hier, der ist für das Zimmer und für die Seitentür nach draußen. Damit kommst du auch nach Kneipenschluss ›rein und ›raus. Ich muss dann wieder runter. Frag‹, wenn du was brauchst.«
Das Zimmer war geschmacklos eingerichtet und abgenutzt, aber wenigstens sauber. Toilette und Dusche auf dem Gang waren vor ein paar Jahren renoviert worden, augenscheinlich aber unfachmännisch von Heimwerkern, wie Manfred auf den ersten Blick feststellte. Er warf die Tasche auf das Bett und legte sich einen Moment hin. Nun war er also in Kleinow. Draußen dunkelte es. Wenn er bei Mama noch vorbeischauen wollte, wurde es Zeit. Dörfler gingen früh ins Bett. Manfred schloss das Zimmer hinter sich ab. In der Gaststube waren keine Glatzköpfe mehr anwesend. Verena erklärte ihm den Weg zur Geschwister-Scholl-Straße. Irgendwie grotesk, ging es ihm durch den Kopf: Ein Dorf im Nirgendwo, Kurzhaartypen mit nationaler Gesinnung in der Gaststube und die Straßen nach antifaschistischen Widerstandskämpfern benannt.
Die Straße war leicht zu finden. Er schaute sich um. Gleichförmige Häuser reihten sich aneinander, ihre Krüppelwalmdächer zeigten mit der Traufseite zur Straße. Sicher waren die mehr als hundert Jahre alt. Manche von ihnen waren im Laufe der Zeit mit Rauputz aufgehübscht worden, andere ließen noch das ursprüngliche Fachwerk sehen. Mittendrin fiel ein Haus mit schlichtem Satteldach auf. Es war in den Fünfzigern errichtet worden, sollte wohl ausbrechen aus dem überlieferten Einerlei und reckte seine Giebelseite trotzig zur Straße. Die Hausnummer stimmte.
Er drückte den Klingelknopf. Hoffentlich kam nicht Eberhard an die Tür, dachte er. In einem Fenster neben der Haustür bewegte sich die Gardine.
Mama öffnete die Haustür. »Manfred!« Sie fiel ihm um den Hals, ihre Augen strahlten vor Freude und gleichzeitig schimmerten die Tränen. »Ich wusste gleich, dass du es bist. Hier aus dem Dorf klingelt nämlich keiner, alle klopfen sie an die Küchentür. Schön, dass du gekommen bist.«
»Du siehst prima aus, Mama«, lobte Manfred. Ihre unverändert kurzen Haare hatte sie leicht in der ursprünglichen dunkelblonden Farbe getönt. Sie trug eine Art Hausanzug.
Hinter ihr im Flur stand Eberhard und begrüßte Manfred mit männlich harten Händedruck. Manfred erwiderte den Gruß mit beherztem Griff.
Es knackte hörbar in Eberhards Hand. »Aber Hallo!«, entfuhr es ihm.
»Wie du weißt, verdiene ich den Lebensunterhalt mit meiner Hände Arbeit«, erwiderte Manfred spitz.
Mama zog den Sohn in die Küche. »Du hast doch bestimmt noch nichts gegessen?! Ich habe dir was warm gestellt. Falscher Hase. Das isst du doch so gern.«
Manfreds Gesicht hellte sich auf. »Super, Mama. Mir hängt der Magen sonstwo. Am besten eine Mega-Portion!« Er nahm am Küchentisch Platz. Das Wasser lief ihm im Mund zusammen. Bei Mama gab es immer Falschen Hasen.
Im Wohnzimmer hatte Eberhard den Fernseher angestellt. Die Titelmelodie der Tagesthemen tönte herüber. Sie schnitt eine dicke Scheibe ab, legte sie dem Sohn auf den Teller und übergoss alles üppig mit Soße. »Ich hab ihn mit Speckstreifen gespickt. Nur Kartoffeln hab’ ich leider nicht mehr, die sind vorhin alle geworden.«
»Mhh, das riecht gut. Und Kartoffeln müssen nicht sein!« Manfred aß schweigend und mit großem Appetit. Wortlos öffnete seine Mutter eine Bierflasche und stellte sie auf den Tisch. Als sie ein Glas aus dem Schrank holte, winkte Manfred ab. »Lass mal, geht so ...« Er nahm einen kräftigen Schluck aus der Flasche.
Während Manfred seinen Falschen Hasen verzehrte, berichtete Mama von Hertha. Beim Anbau ihres Hauses war das Dach neu einzudecken. Herthas Sohn war Dachdecker, und daraufhin hatte Mama mit der einstigen Dachdeckerlehre ihres Sohnes geprahlt. Hier auf dem Dorf war nachbarschaftliche Hilfe unvermeidlich, daher hatte sie Unterstützung durch Manfred angeboten. Manfred schluckte den letzten Bissen herunter und lächelte. »Kein Problem Mama, für dich tu ich doch alles.« Große Lust verspürte er zwar nicht, aber wenn es ihrer Stellung im Dorf nützte ... Etwas Abwechslung war allemal besser, als sich in diesem Kaff zu Tode zu langweilen.
»Und Herthas Sohn ist ein Netter, mit dem kommst du bestimmt gut klar. Macht viel Sport der Junge, genau wie du«, schwärmte Mama.
Nebenan wurde der Fernseher ausgeschaltet. Eberhard erschien in der Küchentür und schaute demonstrativ auf die Uhr. »Ich geh’ jetzt ins Bett, Schatz. Manfred, bleibst du noch lang?«
Das war deutlich. Manfred verabschiedete sich und ging zur Gaststätte zurück. Auch die Kurzhaartypen waren wieder da. Die Jungs hatten sich schon einige Bier und Doppelkorn schmecken lassen. Manfred bestellte bei Verena ein Pils und setzte sich an einen freien Tisch in der Ecke. Von dort konnte man in Ruhe die übrigen Gäste betrachten. Außer der Dorfjugend waren noch ein paar alte Männer da, die gerade bei Verena ihre Getränke zahlten. Verbraucht und abgearbeitet sahen sie aus. Mit schweren Gliedern bewegten sie sich bedächtig, so wie man es von Männer kennt, die ihr Leben lang körperlich hart gearbeitet haben. Nachdem die Alten gegangen waren, taxierte Manfred die fünf jungen Männer nach ihrem Kampfwert. Drei davon stufte er als ungefährlich ein, jung und schmächtig wie sie waren. Zwei andere waren wohl schon über Zwanzig und recht kräftig, Bauernjungs eben.
Nach einigen Minuten brachte Verena das Pils. »Du bist also der Sohn von Eberhards neuer Partnerin? So jemand wie du passt hier eigentlich nicht her.« Sie lächelte vielsagend.
»Setz dich doch ein bisschen zu mir und leiste einem einsamen Großstädter Gesellschaft.«
»Gern!« Verena sah ihn an, grinste und nahm Platz.
»Wieso grinst du?«
»Willst du wissen, was der Dorfklatsch so von dir erzählt?«
»Lass hören!«
»Hier wurde eine kleine Schwuchtel angekündigt.«
»Ich bin Einsneunzig!«, empörte sich Manfred lachend.
»Na, die Körpergröße meine ich nun weniger. Wie eine Schwuchtel siehst du nicht gerade aus.«
»Woher weiß man denn in Kleinow, wie so jemand aussieht?«
»Der Kleinower weiß das nur vom Hörensagen, nehme ich an.«
»Du bist nicht von hier?«
»Ach, das ist eine lange Geschichte.«
»Erzähl ...«
»Um es kurz zu machen: Nach der Wende bin ich in den Westen gegangen und habe dort eine Weile in der Gastronomie gearbeitet, wie man so sagt.«
»Verstehe ...«
»Tja, und nun bin ich wieder hier.«
»Und wie läuft das Geschäft?«
»Siehste doch, ich serviere dem örtlichen Golf-Club das Bier.«
»Ihr habt hier draußen einen Golfklub?«
»Klar, die Jungs da drüben.« Verena deutete in Richtung Dorfjugend. »Kurze Haare und ein tiefergelegter Golf, wenn du das hast, darfste mitmachen.«
Manfred lachte: »Immerhin haben sie eine Beschäftigung.«
»Das stimmt allerdings«, bestätigte Verena, »sonst kannste hier höchstens noch Fußball spielen.«
In diesem Moment betrat ein weiterer Glatzkopf das Lokal, im Arm eine gut aussehende Blondine. Die beiden setzten sich zum Golf-Club. Diese Glatze hatte es im Gegensatz zu den anderen Dorfjungs in sich: Ende Zwanzig und offensichtlich ein Kraftsportler mit Hang zu gelegentlichem Anabolika-Missbrauch, wie Manfred mit Kennerblick feststellte. Im Gegenlicht konnte er zwei Ohrmuscheln ausmachen, die durchaus ein wenig vom glattrasierten Schädel abstanden. Mit Haaren wäre das vermutlich gar nicht aufgefallen. In Manfreds Augen ergab das einen Gesamteindruck irgendwo zwischen Meister Propper und seinem Teddy aus Kindertagen.
Verena wedelte mit gespreizten Fingern vor Manfreds Augen. »Träum nicht! Mund zu! Der wäre wohl ganz nach deinem Geschmack, was?«
»Stimmt. Wer würde da wohl nein sagen«, bestätigte Manfred und hakte gleich nach: »Kennst du die beiden?«
»Logisch kenn ich die. Aber da haste wohl keine Chance. Die sind schon ein paar Jahre zusammen. Kleinows Traumpaar sozusagen.«
»Oh ja, erzähl mir ein bisschen Dorfklatsch ...«
»Kleinen Moment, ich muss die beiden nur mal fragen, was sie trinken wollen.« Verena ging zum Golf-Club hinüber, nahm die Bestellung auf und servierte kurze Zeit später ein Mineralwasser für den Glatzkopf und einen Weißwein für seine Begleiterin.
Verena setzte sich wieder zu Manfred und fuhr fort: »Der ist gar nicht so gefährlich wie er aussieht. Ist ein ganz gutmütiger Junge. Sein Vater war Offizier bei der Armee. Ist tödlich verunglückt, als der Junge elf Jahre alt war. Hubschrauberabsturz, tragisch. Da sind Mutter und Kind zurück nach Kleinow gekommen, die Mutter stammt von hier.«
Der Neue und seine Freundin unterhielten sich angeregt mit den Kumpels. Das Gespräch drehte sich wohl auch um Manfred, denn der Neue schaute ein paarmal herüber. Ihre Blicke kreuzten sich und für den Bruchteil einer Sekunde schauten sie sich direkt in die Augen. Dann wandte der Neue den Blick schnell wieder von Manfred ab.
»Dorfklatsch scheint eine unterhaltsame Sache zu sein. Lass mich mehr davon hören, Verena.«
»Mehr davon ...«, Verena überlegte einen Augenblick. »Tja, da ist die Blondine. Birthe. Die Tochter von Uwe, dem ehemaligen LPG-Vorsitzenden ein Dorf weiter. Heute ist das eine GmbH und er nennt sich Geschäftsführer. Für unsere Verhältnisse ist Birthe eine gute Partie. Bestimmt können sie irgendwann den Betrieb übernehmen, wenn der nicht vorher pleite geht.«
»Und der Junge?«, hakte Manfred nach.
»Der ist eigentlich viel schlauer als seine Kumpels. Wenn diese Birthe nicht wäre, wer weiß, ob er nicht schon lange weg wär von hier. Aber er hat seine Truppe im Griff. Guck sie dir an, wie sie an seinen Lippen hängen.«
Die Glatze erzählte laut und die Runde hörte mit glänzenden Augen zu, nur die Blondine schaute gelangweilt. Manfred versuchte, ein wenig vom Gespräch aufzuschnappen, es ging wohl um Reifengrößen.
Verena stieß Manfred an. »Dich hat er ja auch voll in seinen Bann geschlagen.«
»Quatsch«, widersprach Manfred und wollte grad zu einer Rechtfertigung ansetzen, als sich Glatzkopf und Blondine erhoben und das Lokal verließen.
»Nun guck nicht so enttäuscht, er ist halt wieder weg. Überhaupt: Erzähl doch mal was von dir. Bist du allein?«, erkundigte sich Verena.
»Ja, bin ich. Ich bin Single. Und das ist auch gut so.«
Verena runzelte die Stirn. »Ich bin ja nun auch Single. Aber nicht aus Überzeugung. Und ob das so gut ist ... Immer wenn ich den Sonntag allein verbringe, kommen mir Zweifel.«
Über ihr Gespräch hatte Verena die Bierversorgung vernachlässigt. Prompt gab im Hintergrund der Golf-Club Laut: »Ey Verena, komm mal rüber.«
Verena stand seufzend auf und ging hinüber.
»Wird man hier bedient?«
»Bring uns mal ’n Bier!«
Verena blieb völlig ungerührt. »Nur die Ruhe Jungs. Nachschub kommt gleich.«
»Mach’n Kopf zu und schwing die Stelzen!«
Einer der schmächtigen Jungs wurde kiebig und klatschte Verena auf den Hintern: »Hepp, hepp!« Verena revanchierte sich mit einer Ohrfeige, er schrie auf. Manfred hatte das Geschehen aus der Ferne verfolgt und freute sich über Verenas handfeste Reaktion. Doch dann sprang einer der beiden stämmigen Jungs auf, ein fleischiger, übergewichtiger Typ. »Lass meine Männer in Frieden!«, brüllte er und stieß Verena gegen den Tresen; sie hielt sich das Gesicht.
Im selben Augenblick war Manfred bei ihr, und bevor der Schläger wusste, wie ihm geschah, hatte er Manfreds Faust auf der Nase. Es gab ein knackendes Geräusch und der Dicke flog in die Ecke.
Die Jungs waren völlig überrumpelt. Ihr Kumpel lag auf dem Fußboden, Blut rann aus seiner Nase. Sie starrten Manfred ängstlich an.
Ein Schmächtiger mit schwarzem Polohemd bekam als erster den Mund wieder auf. »Was ist das denn für einer?«, fragte er Verena.
»Der Sohn von Eberhards Freundin.«
»Ich glaub’s nicht. Das ist die kleine Tunte?!«
»Vielleicht zahlt ihr jetzt besser und zwitschert hier ab«, schlug Verena vor.
Manfred rieb sich die Hände: »Oder braucht noch jemand Nachschlag?«
Hastig zückten die Jungs ihr Geld und wenige Minuten später war der Gasthof leer. Verena schloss die Kneipentür ab. Es war Freitagabend kurz nach Mitternacht, in Kleinow endete das Nachtleben.
»Jetzt hab ich deine Gäste vergrault.«
»Ach, die kommen schon wieder, im Umkreis von zehn Kilometern gibt’s nichts zu trinken außer bei mir.« Verena war trotz allem gut drauf. »Ich muss noch abrechnen und ein wenig aufräumen. Leistest du mir noch Gesellschaft?«
»Sicher. Soll ich schon mal die Stühle hochstellen?«
»Warum nicht. Ich wollte, alle Gäste wären wie du.«
Kurz darauf waren sie fertig. Manfred hatte die Gaststube gefegt, Verena die Kasse gemacht.
»So, jetzt muss ich gehen.«
»Du wohnst nicht hier im Haus?«
»Nein, mein Häuschen ist etwas außerhalb des Dorfs, etwa fünfzehn Minuten zu Fuß. Hast du Angst hier allein im Gasthof?«
Manfred lachte. »Nein, aber du solltest nicht allein im Dunkeln herumlaufen. Als Frau.«
»Das mach ich aber jeden Abend.«
»Heute nicht, ich bring dich noch.«
»Wenn ich nicht wüsste, dass du schwul bist ...«
»Keine falschen Hoffnungen, ich bin nur Begleitschutz.«
Zu zweit schlenderten sie die Landstraße entlang zum Ort hinaus. Zweihundert Meter weiter begann der Wald, und die Straße verschwand in tiefem Dunkel. Am Waldrand stand eine Bank.
»Setzen wir uns einen Moment hin?«
»Gern.«
»Warum sind Männer wie du immer schwul?«
Manfred lachte: »Das hab ich heute schon mal gehört, nur umgekehrt. Dass Männer wie ich immer hetero sind.«
Verena kicherte leise.
»War ein Spruch von einem tuntigen Kunden, den ich heute beliefert habe. Der hat mich vielleicht angeschmachtet!«
»Na, für einen Mann bist du ziemlich attraktiv. Und ich habe viele Männer gesehen. Das kannst du mir glauben.«
»Wann bist du in den Westen gegangen?«
»Neunzig im Januar. Ich hatte den Kopf voller Flausen. Der versprochene Hoteljob in Frankfurt platzte. Stattdessen bin ich anschaffen gegangen.«
»Hat man dich gezwungen?«
»Nein, es war so ein gutaussehender Kerl wie du. Ich hab ihn geliebt. Und er hat mich ausgenutzt. Diese Typen finden immer wieder ein dummes Schaf, das darauf reinfällt.«
Verena lehnte sich an Manfreds Schulter. Wie anlehnungsbedürftig diese äußerlich so resolute Frau war! Leise sprach sie weiter: »Ein Glück, dass du schwul bist.«
Verena kuschelte sich noch enger in Manfreds Arm und er strich ihr übers Haar. Dann redeten beide nichts mehr. Nach einer Weile stand sie auf. Manfred nahm sie in den Arm und begleitete sie das letzte Stück zu ihrem Haus. Zum Abschied gaben sie sich die Hand. Beide sprachen kein Wort.
Auf dem Rückweg durch den stockdunklen Wald näherte sich von hinten ein Auto. Manfred hörte den wummernden Bass der Audio-Anlage eher als den Motor. Das Auto wurde langsamer und blieb dann stehen. Die Musik verstummte und das Seitenfenster fuhr herunter. Was mochte das werden? Zu Manfreds Erleichterung saß nur eine Person im Auto. Es war die bodygebuildete Glatze.
»Hast ’n Moment Zeit?«, fragte die Glatze.
»Kommt drauf an, wofür.« Manfred bemühte sich um einen Spagat zwischen schroffer Ablehnung und freundlicher Unverbindlichkeit.
»Du hast einen meiner Kumpels platt gemacht«, stellte die Glatze trocken und sachlich fest.
»War keiner da, der auf ihn aufgepasst hat.« Nachts allein auf der Landstraße war das eine ganz schön gewagte Antwort.
»Schon gut, wollte dich nur mal anschauen. Mein Kompliment, hätte nicht gedacht, dass jemand den Marko so schnell schafft.«
»Einmal ist immer das erste Mal.« Manfred bemühte sich, weiter cool zu bleiben.
»Für einen Schwulen hast du ›ne ganz ordentliche Handschrift.«
Die unverblümte Feststellung verblüffte ihn, der Spagat schien zu misslingen. Manfred forschte im Gesicht der Glatze nach Anzeichen aufkeimender Aggressivität und konterte: »Was dagegen?«
Die Glatze wertete das anscheinend als rein rhetorische Antwort und ging nicht weiter darauf ein. Der Typ blieb sachlich und lächelte sogar. »Soll ich dich mitnehmen ins Dorf?«
In den tiefergelegten Wagen einzusteigen schien Manfred ein echtes Risiko zu sein. Der Glatzkopf konnte überall mit ihm hinfahren, wenn er erst einmal im Auto saß. Außerdem wäre der sicher kein so leichter Gegner wie dieser Marko. Manfred suchte im freundlichen Gesicht des Fahrers nach einer Entscheidungshilfe. Die Kopfhaut schimmerte im fahlen blauen Licht der Audio-Anlage, die Ohren warfen ihre Schatten auf den Hinterkopf. Kräftige Oberarme wölbten sich unter knappem Feinripp. Manfred zuckte mit den Schultern. Warum nicht? Er ging um den Wagen herum und stieg ein.
»Ich heiße Toralf«, stellte die Glatze sich vor.
»Manfred.«
Manfred gab sich wortkarg. Was zum Teufel wollte der von ihm? Ärger? Schon möglich. Ihn anbaggern? Sehr unwahrscheinlich. Die Audioanlage wummerte in dumpfem Rhythmus. Nach ein paar schweigsamen Minuten kamen sie am Gasthof an. Manfred stieg aus.
»Danke fürs Mitnehmen.«
»Nichts zu danken, Kumpel.«
Verena hatte recht behalten. Der Glatzkopf sah zwar gefährlich aus, war aber gutmütig wie ein großer Hund. ›Der tut nix‹, dachte Manfred beim Einschlafen.